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Newsletter 04/2013 – Juni 2013

Wenn die Fallpauschale zur Falle wird

Abgeschoben – «blutig entlassen»?

Anton Schaller im Gespräch mit Dr. Daniel Grob, Chefarzt Akutgeriatrie Waid-Spital, Zürich

Seit dem 1. Januar 2012 wird in den Spitälern mit Fallpauschalen abgerechnet. Welche Erfahrungen haben Sie mit der neuen Spitalfinanzierung in diesem ersten Jahr gesammelt?

Dr. Daniel Grob:
Prinzipiell haben wir ja vor einem Jahr «nur» das Finanzierungssystem geändert, nicht die Medizin. In den Köpfen der medizinisch tätigen Mitarbeitenden beginnen sich aber zunehmend mehr oder weniger ausgereifte ökonomisch geprägte Entscheidungskriterien breitzumachen. Das macht mir Sorgen. Mediziner sollten Medizin machen, Ökonomen Ökonomie, nicht umgekehrt.

Im Vorfeld der neuen Finanzierung befürchteten viele, dass es zu «blutigen» Entlassungen käme, dass Patienten zu früh aus dem Spital entlassen werden. Sind diese Befürchtungen eingetreten?

Dr. Daniel Grob:
Zu echten lebensgefährlichen «blutigen Entlassungen» ist es nicht gekommen, das hätte mich auch erstaunt. Was ich hingegen schon mehrfach gesehen habe, sind zu frühe Entlassungen von alten Patientinnen und Patienten aus dem Spital an den falschen Ort: statt in eine Rehabilitation in ein Pflegeheim, statt in eine Akutgeriatrie in eine Psychiatrie oder Rehabilitationsklinik, statt nach Hause in ein Pflegeheim. Das führt dann zu «Umherschiebereien », damit zu Mehraufwand und letztlich schlechterer Qualität im Gesamtsystem. Das sind vermutlich schon Spuren des Fallpauschalensystems.

Ziele der Fallpauschalen sind Kostenreduktionen und vor allem eine erhöhte Transparenz über die Kosten. Sind diese Ziele erreicht worden?

Dr. Daniel Grob:
Ohne Zweifel haben wir heute mehr Kostentransparenz. Es werden unheimliche Mengen von Daten generiert. Diese Transparenz ist aber nicht gratis, sie ist extrem teuer: Sie frisst wertvollste Arbeitszeit von Pflegenden, Ärzten und Therapeutinnen und führt zur Beschäftigung von Hunderten von teuren Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, die nie einen Patienten sehen.

Uns interessiert vor allem, welche Erfahrungen Sie in Ihrem Bereich, in der Akutgeriatrie, mit betagten und hochbetagten Menschen machten.

Dr. Daniel Grob:
Der mit dem Fallpauschalensystem ausgeübte Zeitdruck auf die Behandlung hochbetagter und insbesondere demenzkranker Menschen im Spital ist sicher absolut kontraproduktiv. Es gibt hier Grenzen, die man nicht unterschreiten sollte. Je älter Patienten sind, und je grösser das Ausmass einer allfälligen kognitiven Einschränkung
ist, desto höher ist ihre Erholungszeit und desto schwieriger, zeit- und kommunikationsintensiver ihre Behandlung. Die Bedürfnisse hochbetagter, insbesondere demenzkranker Menschen sind im Fallpauschalensystem noch schlecht abgebildet. Das Modell orientiert sich an eindimensional kranken, jüngeren Menschen.

Und unsere letzte Frage: Was muss nun nach diesen Erfahrungen passieren?

Dr. Daniel Grob:
Ich gehe davon aus, dass es einige Jahre braucht, bis das Fallpauschalensystem einigermassen korrekt die medizinische Realität abbildet. Aktuell sind wir in einer «Lernkurve »: Das System wurde ja auch als «lernendes System» angepriesen. Institutionen, die sich spezialisiert haben auf Patientengruppen wie zum Beispiel die akutgeriatrischen Kliniken oder auch Kinderkliniken, könnten mittelfristig Probleme kriegen. Dann sind die für die Gesundheitsversorgung verantwortlichen Kantone in der Pflicht.