Logo Zürcher Senioren- und Rentner-Verband

Forchstrasse 145
8032 Zürich
Tel. 044 422 81 00
Fax 044 422 81 62
info@zrv.ch
www.zrv.ch

Newsletter 03/2011 – Juni 2011

Einmal mehr: Die Alten sind Schuld

Anton Schallers Kolumne

Und wieder heben die Medien als erste den Drohfinger

Trotz Sommerhitze müssen sich die Rentnerinnen und Rentner wohl bald warm anziehen. Die Medien haben die Schuldigen an der Euro-Krise, an der Frankenstärke, an den verunsicherten Finanzmärkten entdeckt: Die Alten nämlich. Es seien „nicht unbedingt die Reichen, sondern eher die Alten, die bei der Krisenbewältigung in Griechenland“  geschont werden sollen, meint Thomas Held so unverfroren wie unreflektiert im „ Das Magazin“ des Tagesanzeigers vermelden zu müssen. Im Wohlfahrtsstaat würden die „sicheren Staatsanleihen zum grossen Teil der Altersvorsorge dienen“ Und diese sicheren Staatsanleihen wolle man bei der Vermeidung der Umschuldung Griechenlands verteidigen. Er meint wohl, dass eine Umschuldung Griechenlands nur deshalb vermieden würde, weil die Parteien im alternden Europa immer mehr auf die Rentnerinnen und Rentner als Wählerinnen und Wähler  angewiesen seien. Und Werner Vontobel verstärkt den Druck auf uns Alten, wenn er im „Sonntags-Blick“ schreibt: „Lange kann es nicht mehr gut gehen mit unseren Pensionskassen. Die Alten kassieren zu hohe Renten, die Rechnung zahlen die jungen Beitragszahler.“. Immer wieder ertönt dieser Ruf, wenn die Finanzmärkte ächzen, wenn die Renditen zurückgehen, wenn an den Finanzmärkten nicht erwirtschaftet werden kann, was für eine Sicherung, gar eine Ertragssteigerung der rund 750 Milliarden auf den Konten unserer Pensionskassen notwendig wäre, wenn im Gegenteil das Gesamtvermögen schrumpft. Aber immer wieder kamen und kommen bessere Zeiten, selbst nach der Finanz- und Wirtschafts-krise im Jahre 2008 waren die folgende Jahre 2009 und 2010 von einem geprägt: Von der Erholung, mehr noch: von satten Gewinnen. Das EU-Land Deutschland verzeichnete 2010 gar ein Wachstum von 3,7 Prozent, in diesem sollen es wiederum 3,5 Prozent werden. Bis jetzt wuchsen wir auf Augenhöhe. Nun bedroht der Frankenkurs Wachstum und Gleichstand.

Zweifellos: Das erste Halbjahr 2011 hat bis jetzt das Schweizer Pensions-kassenvermögen um etwa 2 Prozent schrumpfen lassen. Und die Aussichten auf das zweite Halbjahr sind so rosig nicht, als dass wir Augen und Ohren vor dieser Entwicklung einfach schliessen könnten. Im Gegenteil. Wir müssen hellwach mit dabei sein, wir müssen den Medien, aber auch den Parteien auf die Finger schauen, den Medien auf ihre lautstark vorgetragenen Forderungen: Jetzt müssen die Alten Federn lassen. Den Parteien auf ihre Parolen: Alles Übel kommt von draussen.

Und zugegeben: Die Rhythmen des Auf und Ab folgen sich in den letzten Jahren schneller als gewohnt. Wir haben uns auf diesen neuen Rhythmus einzustellen. Das heisst aber auch, dass wir nicht aufgeregt und verunsichert reagieren dürfen. Nüchternheit ist angesagt und nicht Angstmacherei. Jetzt sind solide Analysen, ist sorgfältiges Abwägen notwendig. Das dürfen wir vom Bundesrat, das sollen wir von den Parteien, das müssen wir von den Medien, für die wir ja zahlen, fordern.

Wie eng der Aktionsradius des Bundesrates ist, zeigt der etwas hilflose Vorschlag von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er meint: wir sollten jetzt Kampf-Flugzeuge für die Armee beschaffen, damit die Schweizer Industrie von Kompensationsaufträgen profitieren könnte. Erstens  gibt es noch  keinen solchen Beschluss und Zweitens: Bis jetzt waren die Kompensationsgeschäfte meistens ein Flop oder kamen zu mindest zu spät.

Und schmerzlich müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass der Schweizer Franken immer stärker zum Hort der internationalen Anleger wird, quasi zum Spielball der Dollarschwäche und der Euro-Krise mutiert. Nach der Nationalbank wird nun bald jedem in der Schweiz klar, dass unser Land zu klein ist, um  gegen die globalen Finanzmärkte aufzukommen. Die vielgelobte Autonomie wird in dieser eng verflochtenen Weltwirtschaft plötzlich zu einer Belastung. Da werden plötzlich ungewöhnliche Töne angeschlagen. Der Zürcher Milliardär und Finanzier, Besitzer des Grandhotel Dolder in Zürich, Urs E.Schwarzenbach, meint unbekümmert, dass wir schlicht den Euro einführen sollten, dann wäre alles im Lot.  Wie mag das in den Ohren von Christoph Blocher tönen, dem anderen Zürcher Milliardär, der nur immer eines im Sinne hat: Die autonome Schweiz. Jetzt wäre auch guter Rat von ihm wertvoll, wenn er denn wüsste, wie wir mit dem starken Franken umgehen sollten.

Jetzt werden wir plötzlich Gewahr, wie hilflos wir dem globalen, den ungehemmten Marktkräften ausgeliefert sind. Wir werden gewahr, wie wenig Innovationskraft zu spüren ist, um die Welt, die Finanzwelt  wieder in Ordnung zu bringen, wie die europäischen Finanzminister orakeln, wie die Verantwortlichen in den europäischen Hauptstädten für sich, für ihre nationale Wirtschaft schauen, sie zu schützen versuchen. Und schliesslich, wie alles daran gesetzt wird, Griechenland und so den Euro vor dem schlimmsten zu bewahren, um zu retten, was am Anfang der europäischen Vereinigung stand und immer noch steht: Ein Friedensprojekt nach dem unheilvollen, schmerzlichen zweiten Weltkrieg.

Wir in der Schweiz sind mitten drin. Nicht nur unserer Autonomie steht auf dem Spiel, auch unsere Renten sind bedroht. Zumindest sehen es aufgeregte Journalisten, auch Kolumnisten so. Den Rentnerinnen und Rentnern zum Trost: In der Schweiz sind die Renten aus der zweiten Säule gesetzlich geschützt und Gesetzesänderungen brauchen lange: Und zudem unterstehen Gesetzesänderungen dem Referendum.

Noch ist unsere Land auch wirtschaftlich stark. Noch sind wir Frau und Herr im Haus. Noch können wir aus der bestehenden Autonomie heraus die Balance finden, zwischen der unvermeidlichen wirtschaftlichen Integration und der nicht verhandelbaren politischen Unabhängigkeit.